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Médoc actif – Projekt und Geschichte

Redaktionssitzung
Redaktionssitzung französisch, englisch, deutsch

Wo können Europäer im Médoc französisch lernen, wo Franzosen ihre Sprachkenntnisse anwenden? Wie kann man die Besonderheiten der Region entdecken? Wo und wie kann man mit Einheimischen in Kontakt kommen? Das Web-Projekt MEDOC ACTIF vereinigt eine Gruppe von Menschen, die an all diesen Fragen interessiert sind und gemeinsam versuchen, über Beiträge mit Fotos oder Videos Anregungen zu geben. Elke Schwichtenberg und Christian Büttner haben zusammen mit der Médocainerin Marie-France Pilger eine Gruppe von Médoc-Begeisterten gefunden. Ihr Ziel: Andere anzuregen, aktiv ihren Mitmenschen zu begegnen und den interkulturellen Austausch in der Region Médoc zu fördern.

Europäisches Picknick in Vertheuil
Europäisches Picknick in Vertheuil

Warum ein solches Projekt im Médoc? Diese Region ist vor allem bei deutschen Urlaubern seit Jahrzehnten bekannt und beliebt. Zahlreiche Touristen aus verschiedenen europäischen Ländern haben sich inzwischen hier niederlassen, sei es, dass sie sich längere Zeit des Jahres in den Ferienhäusern der hiesigen Ferienanlagen aufhalten, sei es dass sie ihren Lebensmittelpunkt ganz ins Médoc verlegt haben, zum Beispiel um dort ihren Ruhestand zu verleben. Eine der größten Herausforderungen ist dabei die Sprachbarriere. Nicht-Franzosen würden gern in Kontakt mit Franzosen kommen und die Angebote des Médoc entdecken und nutzen. Umgekehrt möchten auch viele Franzosen ihre Fremdsprachenkenntnisse durch Begegnungen mit Europäern nutzen. Dazu bietet das Projekt vielfältige Möglichkeiten: man kann sich mitteilen, Orte der Begegnung vorschlagen, interessante Tätigkeiten gemeinsam wahrnehmen oder sich kulturell engagieren.

Es braucht allerdings Unterstützung, um sowohl den Schritt aus der Fremde nach Frankreich zu wagen als auch als Franzose die Region zu wechseln. Ein schönes Beispiel dafür ist auf der web-site nachzulesen: der Bericht über ein europäisches Picknick in einem Park, organisiert von MEDOC ACTIF, das Gelegenheit zu zwanglosen Begegnungen in einer Situation bot, in der es um ein Kennenlernen und Genießen bei einem gemeinsamen Essen ging.

Eine Region, erzählt von ihren Bewohnern

Médoc actif entstand 2009 aus einer persönlichen Idee: Als Geburtstagsgeschenk sollte eine gemeinsame Website entstehen, die den Médoc nicht von außen beschreibt, sondern durch die Erfahrungen der Menschen, die dort leben, arbeiten oder einen Teil ihres Lebens verbringen. Eine kleine Gruppe aus Deutschen, Franzosen, Engländern und Niederländern gab dem Projekt seinen Namen und seine europäische Ausrichtung.

Von Beginn an war Médoc actif mehr als ein Informationsangebot. Bewohnerinnen und Bewohner, Zugezogene, Urlauber, Vereine und Initiativen erzählten in eigenen Beiträgen von Begegnungen, Landschaften, Berufen, Kunst, Traditionen, Ausflügen und den kleinen Entdeckungen des Alltags. So wuchs nach und nach ein subjektives Porträt der Region: vielfältig, persönlich und von den Blickwinkeln seiner Autorinnen und Autoren geprägt.

Ein europäisches Gemeinschaftsprojekt

Die Website war zunächst in drei Sprachen angelegt; Niederländisch kam später als vierte Sprache hinzu. Damit Beiträge möglichst in der jeweiligen Muttersprache erscheinen konnten, bildete sich 2010 ein gemeinsamer Übersetzungspool. Viele Menschen wirkten als Autoren, Übersetzerinnen, Korrektoren, Fotografen, Gesprächspartnerinnen oder technische Helfer mit.

Diese Zusammenarbeit war ein wesentlicher Teil des Projekts. Die verschiedenen Sprachfassungen sollten nicht nur Informationen zugänglich machen. Sie verbanden Menschen, die dieselbe Region aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven betrachteten. Aus dem Webprojekt entstand deshalb auch ein Netzwerk persönlicher Kontakte, gemeinsamer Aktivitäten und deutsch-französischer Vermittlung.

Die Resonanz wuchs rasch. Zum ersten Geburtstag im September 2010 verzeichnete Médoc actif mehr als 10.000 Besuche aus über 30 Ländern. 2012 waren auf 399 einzelnen Seiten mehr als 280.000 Seitenaufrufe gezählt worden. Ende 2014 lag die dokumentierte Zahl bei 797.164; der Rückblick zum zehnjährigen Bestehen nannte 2019 rund 2,5 Millionen Seitenaufrufe seit der Gründung. Frankreich und Deutschland bildeten das Zentrum des Publikums, gefolgt von den Niederlanden.

Vom Austausch im Netz zu Begegnungen vor Ort

Die Kontakte blieben nicht auf die Website beschränkt. Aus einem Deutschkurs und dem Wunsch nach zwanglosen Begegnungen entstand ein deutsch-französisches Picknick. Das Format entwickelte sich zu einem europäischen Treffen und wurde über viele Jahre wiederholt. 2013 kamen am Turm von Lesparre mehr als 130 Menschen zusammen, 2015 in Vertheuil mehr als 170 und 2019 beim achten Picknick mehr als 200 Teilnehmende.

Daneben beteiligte sich Médoc actif an Ausstellungen, Konzerten, Gesprächen und regionalen Projekten. Vereine und Initiativen nutzten die Website, um ihre Arbeit vorzustellen. Der europäische Stammtisch, Kooperationen mit Kulturmittlern sowie die Radioserie „Die deutsche Viertelstunde / Le quart d’heure allemand“ bei AQUI FM schufen weitere Orte für sprachlichen und kulturellen Austausch.

Im Jahr 2019 wurde dieses Engagement besonders gewürdigt. Auf Empfehlung des deutschen Generalkonsulats verlieh die Maison de l’Europe Médoc actif den Preis „Association européenne / Europäischer Verein“. Die Auszeichnung machte sichtbar, was sich über zehn Jahre entwickelt hatte: Aus einer privaten Website war ein regional verankertes europäisches Netzwerk geworden.

Menschen, Erfahrungen und gemeinsames Wissen

Der bleibende Wert von Médoc actif liegt vor allem in der Vielfalt seiner Stimmen. Die Beiträge sind weder ein amtliches Verzeichnis noch ein vollständiges Nachschlagewerk. Sie zeigen, was einzelne Menschen bemerkenswert fanden und miteinander teilen wollten. Gerade dadurch bewahren sie Eindrücke, Kenntnisse und Erinnerungen, die in einer rein sachlichen Darstellung der Region kaum sichtbar würden.

Künstlerinnen öffneten ihre Ateliers, Handwerker und Produzentinnen stellten ihre Arbeit vor, Bewohner berichteten von Naturbeobachtungen, Festen und Traditionen. Andere Beiträge dokumentierten Vereinsarbeit, Reisen, Sprachbegegnungen oder gemeinschaftliche Initiativen. Die Autorenseite und die Vereinsübersichten gehörten zeitweise zu den meistbesuchten Bereichen der Website. Das Interesse galt also nicht nur Orten und Ausflugszielen, sondern besonders den Menschen hinter den Geschichten.

Deutsch-französische Erinnerungsarbeit

Ein eigener Schwerpunkt entwickelte sich aus Anfragen von Kindern ehemaliger deutscher Kriegsgefangener und Soldaten. Sie suchten im Médoc nach Spuren ihrer Väter und wandten sich an das Projekt. Médoc actif vermittelte Kontakte, half bei Recherchen und machte persönliche Erinnerungen in beiden Sprachen zugänglich.

Aus solchen Begegnungen entstanden Berichte über Briefe, Kriegserfahrungen, Gefangenschaft und die Suche nach historischen Orten. Die Spurensuche von Karin Scherf nach ihrem Vater Wolfram Knöchel führte zu Begegnungen im Médoc, zu einem Buch und zu einem Radiofeature. 2016 wirkte Médoc actif an einer öffentlichen Veranstaltung über das Ende des Zweiten Weltkriegs im Nord-Médoc mit, bei der Zeitzeugen zu Wort kamen.

Auch später blieb das Projekt eine Verbindung zwischen Familien, regionalen Forschern und Institutionen. Es begleitete Recherchen zu deutschen Marinesoldaten, dokumentierte die Arbeit an den Bunkern von Les Arros und veröffentlichte deutsche Erlebnisberichte, Interviews und Tagebuchauszüge. Diese Materialien flossen 2020 in die Publikation „Prisonniers de guerre allemands en Médoc“ der Société archéologique et historique du Médoc ein; Jacqueline Tabuteau hatte die deutschen Texte ins Französische übertragen.

Die Erinnerungsarbeit verband persönliche Familiengeschichten mit regionaler Forschung und öffentlicher Vermittlung. Médoc actif war dabei nicht nur ein Ort der Veröffentlichung, sondern auch Kontaktstelle, Übersetzungsraum und Mitorganisator von Gesprächen. Die Auszeichnung Jean-Paul Lescorces mit dem Bundesverdienstkreuz für seine jahrzehntelange Erinnerungsarbeit und die deutsch-französische Videokonferenz über Deutsche im Médoc im Jahr 2021 gehören zu diesem Zusammenhang.

Vom aktuellen Projekt zum Zeitzeugnis

Mit den Jahren veränderte sich die Region. Vereine lösten sich auf, Veranstaltungen und Angebote verschwanden, Links verloren ihre Gültigkeit. Schon 2020 hielt der Beitrag „Schnee von gestern? / L’eau a coulé sous les ponts ?“ fest, dass Médoc actif nicht als aktuelles Nachrichtenportal verstanden werden sollte. Der gewachsene Bestand hatte inzwischen einen anderen Wert erhalten: Er war zu einer Chronik des Médoc im zweiten Jahrzehnt der 2000er Jahre geworden.

Zum fünfzehnjährigen Bestehen 2024 wurde die Website ausdrücklich als Zeitzeugnis einer Epoche gewürdigt. 2025 beschrieb „Die Kunst des Loslassens / L’art du lâcher-prise“ den bewussten Abschied von der laufenden regionalen Berichterstattung. Jüngere Projekte und andere Medien können die aktuelle Entwicklung des Médoc weiter begleiten; Médoc actif bewahrt seinen eigenen, subjektiven Blick auf die Jahre von 2009 bis 2025.

Seit 2026 wird dieser Bestand technisch und redaktionell geordnet. Veraltete Informationen werden als historisch kenntlich gemacht, ohne die gewachsenen Inhalte unbedacht zu entfernen. Beiträge, Bilder, Videos, Presseberichte, Partnerseiten und Projektdokumente werden über neue Übersichten erschlossen. So wird aus einer ehemals aktuellen Website ein geschlossenes, aber weiterhin zugängliches Archiv.

Was bleibt

Médoc actif erzählt keine einzige, abschließende Geschichte des Médoc. Die Website bewahrt viele persönliche Geschichten: von Menschen, die dort geboren wurden oder neu ankamen, die einander etwas zeigten, Wissen weitergaben, gemeinsam feierten, forschten, übersetzten und Erinnerungen teilten.

Gerade diese Vielstimmigkeit macht den Bestand heute wertvoll. Er dokumentiert nicht nur, was in der Region geschah, sondern auch, wie Menschen verschiedener Herkunft den Médoc miteinander erlebten. Als europäisches Gemeinschaftsprojekt, regionales Netzwerk und deutsch-französischer Vermittlungsraum bleibt Médoc actif ein Zeitzeugnis gelebter Begegnung.