Die ganz normale Gewalt

 

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"Schlag deine Frau jeden Tag. Wenn du nicht weißt warum - sie weiß es." Dieses orientalische Sprichwort illustriert perfekt die Meinung, die man über diesen Missstand in der Gesellschaft hat. Die Frau - in der jüdisch-christlichen Zivilisation verantwortlich für den Makel der Erbsünde, Ventil für schändlichste Gewaltimpulse. Und wo? Etwa in weniger zivilisierten Ländern? Nein, bei uns, in Frankreich, wo alle drei Tage eine Frau durch die Hände ihres Mannes oder ihres Partners stirbt...

Zweimal im Jahr, am 25. November und am 8. März, bringen die Medien das Thema in die nationale Diskussion, dennoch haben sich die Anrufe bei der Notrufnummer 3919 inzwischen verdoppelt. Und in der übrigen Zeit? Die lokalen Vereine tun, was sie können. Die Bilanz des Vereins "Gewalt gegen Frauen" (ACV2F), der mit ehrenamtlichen Experten wie z.B. Rechtsanwälten, Therapeuten, Sozialarbeitern und Krankenschwestern zusammenarbeitet, spricht Bände.

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Wenn auch diese Arbeit durch Mundpropaganda und Artikel in der lokalen Presse immer sichtbarer wird, wenngleich eine Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren stattfindet und sie von der landesweiten Organisation "Solidarität Frauen" unterstützt wird, so bleibt doch, dass die Vereinsmitarbeiterinnen sich oft hiflos fühlen, wenn Anzeigen nicht bearbeitet werden oder ihr Bemühen um Schutzräume von der Polizei dort abgelehnt wird, wo das Personal nicht ausdrücklich auf das Annehmen solcher Probleme vorbereitet ist oder man auf das Bearbeiten durch geschulte Fachkräfte zu lange warten muss.

Die Tatsache, dass es im Médoc 2012 zwischen Saint-Laurent und der Pointe du Medoc dreißig Morddrohungen gegen Frauen gegeben hat, hat die Notwendigkeit des Vereins deutlich gemacht. Auch sechsundfünfzig Kinder waren direkt betroffen. Am meisten gefährdet - alles zusammengenommen, soziale und familiäre Verhältnisse - ist die Altersgruppe der 30-40jährigen. Frauen leiden dabei unter verbaler, psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt, darunter auch Morddrohungen und versuchte Strangulierung.

Wenn Gewalt ausbricht, muss schnell gehandelt werden, einerlei um welche Uhrzeit. Viele Frauen haben kein Fahrzeug, was bedeutet, dass die Mitglieder des Vereins in ständiger Rufbereitschaft sein müssen, um sofort reagieren zu können. Ihre Aufgaben? Sie stehen den Frauen beim Aufsuchen von Ärzten, Sozialarbeitern, Psychologen und Juristen zur Seite und helfen bei Fragen der Unterbringung. Ihr Ziel ist außerdem die Schaffung ausreichender Schutzräume für gleichzeitig 3-4 Frauen und 5-6 Kinder.

Michèle Morlan-Tardat (Vertheuil), Übersetzung: Christian Büttner/Elke Schwichtenberg

Quelle: Journal du Médoc vom 7 Dezember 2012