Ausflug ins Mittelalter

 

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Wenn man eine längere Anfahrt in Kauf nimmt (knapp 3 Std. von Lesparre aus), kann man Mittelalter zum Anfassen und Anschauen erleben. Wir hatten Karten für das Freilichtspektakel La Bataille de Castillon und reisten über Saint Emilion an, das fast auf dem Wege liegt.

Das Spektakel beginnt bei Dunkelheit ab 22 Uhr 30. Nachdem wir unser Auto in einer malerischen Parklandschaft abgestellt haben, genießen wir den Ausblick auf das auf einem Hügel gelegene Chateau Castegens, das die alles überragende Kulisse bildet. Wir schlendern durch eine Budengasse mit Mittelalterkitsch und ergötzen uns an den bereits anwesenden Schauspielern, die kleine Sketche vorführen. Für über Holzkohle (sarments) dunkelbraun gesottene Fritten müssen wir lange anstehen. Alle Tafeln sind besetzt. Auch das Einnehmen der Sitzplätze auf einer der beiden je 2000 Personen fassenden Tribünen dauert ungefähr eine Stunde.

Endlich geht es los. Man sieht einen Dorfplatz vor einem Dominikanerkloster. Der Abt tritt aus seiner Kirche und moderiert den Ablauf der Handlung. Das Schauspiel vollzieht sich in 2 Akten. Der erste zeigt das ländliche Dorfleben in idyllischen Bildern (Frauen am Brunnen, Kinder unterm Hollerbusch, Jagdszene, Weinlese, Markt, Wäschebleiche, Steuererlass, Schreibstube der Mönche, Soldatenaufmarsch), alles zu harmonischen Klängen. Man möchte sofort in dieser fröhlichen Gemeinschaft mittun.

Nach 20minütiger Pause folgt im 2. Akt das Kampfgetümmel der französischen und englischen Widersacher mit blechernem Schwertgeklapper Mann gegen Mann und mit Reitern, die in gegenläufigen Zügen Kämpfe andeuten. Begleitet wird die Schlacht von drohend wirkender Musik und pyrotechnischen Effekten bis hin zu einem abschließenden Feuerwerk und ausklingendem Trauermarsch.

Die Schlacht von Castillon entschied das 300jährige Tauziehen zwischen England und Frankreich um die Aquitaine. Sie endete am 17. Juli 1453 mit der Niederlage der Engländer, deren Anführer, John Talbot, erschlagen wurde. Im Schlussbild stehen 400 Menschen vom Kind bis zum Greis mit ihren Tieren (Ochsen, Pferden, Schweinen, Hunden) auf dem Platz.

Wir nahmen an der letzten von 8 Aufführungen dieses Jahres teil und erlebten den Festspielleiter, der zur Klampfe griff und das Lied vorsang, das diese große Truppe geeint hat. Er dankte allen Teilnehmern und Spendern und ließ mit einer rockigen Version seines Liedes den Abend ausklingen.

Der Zuschauerstrom wälzte sich zu den Parkplätzen auf der grünen Wiese. Rechts und links am Wegesrand verabschiedeten sich die Schauspieler (viele Einwohner von Castillon und Umgebung), die ab sofort wieder jeden Sonntag (!) für die Aufführungen des nächsten Jahres proben. Morgens um vier Uhr lagen wir nach unserem intensiven Mittelalterausflug schließlich wieder im Bett. Wir haben es genossen.

Maria Moeller-Herrmann (Grayan)