Rommel in Soulac

 

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Am 20. Juni 1940 besetzten die deutschen Truppen die Départements Charentes, am 26. Juni überquerten sie die Girondemündung mit der Fähre Le Cordouan. Sie erreichten Le Verdon am selben Tag und einen Tag später auch Soulac. Aber sie waren bereits davor in Bordeaux, wo sie den Hafen einnahmen, einen strategisch wichtigen Punkt. Es gab also eine Kolonne, die von Bordeaux aus ins Médoc einmarschierte und eine weitere, die über die Gironde eindrang. Insgesamt waren es 4000 Mann. Sie beschlagnahmten gleich für ihre Unterbringung alle besseren Häuser des Nord-Médoc und hatten zwei vorrangige Aufgaben: die Mündung der Gironde mit Schwimm-Minen zu sperren und den medoquinischen Teil des Atlantik-Walls zu bauen.

Ich war zu Beginn des Krieges 3 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern in der Fußgängerzone im Grand Café Riche, das meinen Eltern gehörte. Heute ist dort eine Eisdiele: Le roi des cônes. Zu Beginn der Okkupation des Médoc ging mein Vater mit mir als Dreijährigem die Fußgängerstraße entlang. Plötzlich sah ich Motorräder mit Beiwagen sich nähern, darauf Soldaten mit Stahlhelmen und umgeschnallten Gewehren. Sie fragten nach Benzin und mein Vater wies ihnen die Richtung zur nächsten Tankstelle. Später dann richteten sie sich in allen Häusern Soulacs komfortabel ein und organisierten den obligatorischen Arbeitsdienst für Franzosen, zu dem mein Vater ebenfalls eingezogen wurde. Mein Vater und meine Mutter waren damals Eigentümer des Grand Café Riche und alle Offiziere der deutschen Kriegsmarine verkehrten dort, sie hatten es ebenfalls gewissermaßen als Freizeitzentrum requiriert. Abends spielte manchmal einer der Soldaten auf seinem Akkordeon.

In diesem Café bin ich aufgewachsen mit all den Offizieren der Kriegsmarine. Georg Schillinger, der Kommandant der gesamten Küstenbatterien des Nord-Médoc, war sehr frankophil. Er hatte in Mühlhausen studiert, er war halb Deutscher (väterlicherseits), halb Franzose (mütterlicherseits).

Am 10. Frebruar 1944 spielte ich gerade auf unserem Balkon, als ich eine deutsche Musikkapelle die Rue de la Plage heraufkommen hörte. In der Mitte des Zuges, unter den Offizieren, die ich ja alle kannte, entdeckte ich einen, den ich noch nie gesehen hatte. Er trug einen weißen Schal um den Hals und hatte einen Stock in der Hand. Ich habe mich gefragt, was er mit diesem Stock machen wollte. Aber nachdem ich später in meinen Unterlagen ein wenig recherchierte, habe ich in ihm den Feldmarschall Rommel mit seinem Marschallstab ausgemacht.

Sie zogen die Rue de la Plage hinauf und ich konnte sie von meinem Balkon aus beobachten. Vorneweg lief die Musikkapelle, hinter ihr die bewaffneten Soldaten, dann die Offiziere und schließlich nochmals bewaffnete Soldaten. Sie begaben sich in das Hotel de la Plage, das heutige Balizié, wo sie einen Aperitif einnahmen. Und spät abends wurden sie dann mit einem Feuerwerk gefeiert.

Marschall Rommel besuchte am 10. Februar 1944 alle Festungsinstallationen im Nord-Médoc und erklärte sie für einsatzbereit. Er verbrachte eine Nacht in Soulac im Hause des Barons Thierry (Villa Faust), der ein Studienfreund von Kommandant Schillinger war.

Nach dem Kriegsende wohnte ich in Saint-Vivien bei meinem Großvater in einem Haus zwischen dem Friedhof und dem Wasserturm. Das Zentrum war zu 80% von den Bombenangriffen der Alliierten zerstört. Wenn man sich die Statue der Jungfrau Maria anschaut, kann man feststellen, dass eine Hand fehlt. Hinter dem Haus meines Großvaters gab es Bombenkrater, in denen ich mit meinem Fahrrad spielte. Ich habe auch in den Ruinen des Rathauses gespielt, bevor ich von meinem Chorknabendienst in der Kirche nach Hause ging.

Jean-Paul Lescorce (Soulac), Übersetzung: Christian Büttner/Elke Schwichtenberg


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