1943: Viehtrieb durch Saint Vivien

 

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Kuhtrieb
"Sonntagsverkehr in Saint-Vivien"

Mein Bruder, der in der Charente-Maritime lebt, ist Mitglied in einem Postkartensammler-Verein. Einer seiner Freunde hat eine Postkarte von Saint-Vivien aus dem Jahr 1943 gefunden, aus dieser Zeit gibt es nicht sehr viele. Deshalb hat er sie meinem Bruder gegeben, der sie eingescannt und mir geschickt hat. Ich habe ein Mitglied des Veteranenvereins (anciens-combattants) von Saint-Vivien gefragt. Er, der 96 Jahre alt ist, kommentierte: Ich erkenne niemanden auf der Postkarte, aber das da muss Monsieur Egreteau mit seinen Kühen sein. Der hatte eine Weide in der Coulisse. Jeden Morgen und Abend trieb er seine Kühe durch die Straßen, er wohnte in der Nähe der Apotheke und sein Stall befand sich dort, wo heute das Gemeindedepot ist.

Auf dem Foto sieht man die Hauptstraße, dort habe ich damals als Kind gespielt. Es gab da die Bäckerei, das Haus von Frau Capdeville und den Zigarettenkiosk. Die deutschen Soldaten kamen im Jahr 1941. Sie wohnten bei meinen Eltern im Chateau Gauvin, wo sie die gesamte Nordseite besetzt hatten, auch das Parterre und den ersten Stock. Sie blieben bis 1944. Mein Vater, der 7 Kinder hatte und schon relativ alt war, war nicht zum Militär eingezogen worden. Er blieb also hier und wurde beauftragt, die Deutschen zu verpflegen. Außerdem verpflichteten die Deutschen, die hier waren, an zwei Tagen in der Woche die Franzosen zur Arbeit an den Bunkern am Atlantikwall und zur Reinigung der Straßen... Aber es war angenehm mit den Deutschen. Ich war damals 5 Jahre alt und ich erinnere mich daran, dass sie mir Bonbons schenkten... Eines Tages kam einer von ihnen vollkommen betrunken nach Hause und zerbrach die Toilettenschüssel: Am nächsten Tag wurde er an die Ostfront abkommandiert!

Hier nannte man die Deutschen die „territoriaux“ (Territorialen), das waren Deutsche im Alter von etwa 50 Jahren... Sie waren hier, weil sie dazu verpflichtet worden waren. Es gab keine Konflikte zwischen ihnen und der französischen Bevölkerung. Sie sprachen ein wenig französisch, die vor allem, die bei uns gewohnt haben, sie hatten sich integriert.

Roger Dillemann (Saint Vivien), Übersetzung: Christian Büttner/Elke Schwichtenberg

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