Romanischer Familientag

 

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Die Association Baurein pour la connaissance du Médoc veranstaltete am 15. April 2012 eine unter den Titel Roman Familial gestellte Begegnung mit der um 1250 erbauten romanischen Templerkirche in Benon und der Fontaine de Bernos. Der Tag begann mit einer von Gilbert Coudy gestalteten Führung zur Quelle von Bernos. Nach der Rückkehr nach Benon konnten die mehr als 80 Teilnehmer von der Sachkenntnis ihres Führers profitieren und in eindringlicher Intensität die Kirche von Benon erleben, bevor sie sich einem mittelalterlich zubereiteten Mittagessen zuwandten. Während des gesamten Tages gab es eine Fülle von Aktivitäten und Animationen, die die Stunden verfliegen ließen, ohne dass man sich dessen bewusst wurde. Wir versuchen in einigen Sätzen die Besuche bei der Quelle und der Kirche von Benon zusammenzufassen.

Im Schatten der Druiden und der Tempelritter: Die Druiden und die Templer gehören zwei deutlich voneinander verschiedenen Epochen und Kulturen an, aber in zwei kleinen benachbarten Gemeinden des Médoc hat man die Möglichkeit, auf ihren Spuren zu wandeln, indem man auf einigen hundert Metern die Jahrhunderte durcheilt, die sie einst getrennt haben.

Fangen wir an mit dem Ort der Druiden. Um dorthin zu gelangen, muss man sich nach Bernos begeben, einer Gemeinde, die heute Teil von Saint-Laurent de-Médoc ist. Dort, rund dreihundert Meter entfernt von einer kleinen Straße, findet man die Quelle von Bernos, die einen kleinen Bach speist, der, selbst wenn er klein war, ein Hindernis darstellte für die mittelalterlichen Pilger. Zur Zeit der Druiden war die Quelle ein mystischer Ort, um den sich mehr oder weniger schöne und glaubwürdige Legenden rankten.
Die Quelle ist umgeben von einem Kreis behauener und sorgfältig gesetzter Steine, und an der Stelle, an der das Wasser aus der Quelle abfließt, um sich in den Bach zu ergießen, steht ein Bogen, dessen Erbauungsdatum man nicht kennt. Einerlei, wenn man in das Wasser der Quelle schaut, denkt man an anderes. Man sieht das rötliche Wasser mit Fäden darin, die an die Haare einer Prinzessin denken lassen, die in der Quelle ertrunken sein soll aus unbekannten Gründen und die durch ihr tragisches Ende der Quelle magische Kräfte verliehen hat. Daher kann man an die Quelle Wünsche richten, die dann entweder erfüllt werden oder auch nicht.
Für die Pilger des Mittelalters waren die Quelle und ihr Bach aber eher ein Hindernis, das man überwinden musste. Die erste Möglichkeit dazu fand sich nahe der Kirche von Benon. Ob sie es wollten oder nicht, die Pilger mussten dort die kleine Brücke benutzen. Nachdem sie dieselbe überquert hatten, wendeten sei sich nach links und erblickten eine Kirche, die nicht war wie die anderen. Sie war nicht groß, sie zeichnete sich nicht durch Zierrat oder Geniestreiche eines erfindungsreichen Architekten aus, aber sie war von einer ansprechenden Einfachheit, die auch nach Jahrhunderten nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Die Kirche, die man sehen wird, verdankt ihre Existenz den Templern, die sie gebaut haben, weil die ursprüngliche Kirche zu klein geworden war. Die Architektur der Templer folgt einigen einfachen Grundsätzen, die sich gut sichtbar in dieser Kirche verkörpern. Da ist zunächst einmal die gerade Abschlusswand des Altarraumes mit nur drei schmalen Fenstern, die sich dort erhebt, wo man üblicherweise runde Apsiden findet. Die Fenster stellen ein weiteres charakteristisches Merkmal dieses nüchternen Stils dar: ihre Zahl ist sehr beschränkt (in Benon gibt neun davon für das gesamte Bauwerk) und sie sind so schmal, dass ein bewaffneter Mann sich nicht durch die Fensteröffnung zwängen konnte. Und, nochmal zu den Fenstern: an der Nordseite gibt es keine, die Sonne scheint schließlich niemals im Norden. Die Südseite hingegen hat die größte Zahl: fünf, davon drei nahe dem Altar.
Die Bauweise der Templer, die sich in klarer und reiner Weise in Benon zeigt, war auf Sammlung und Einkehr ausgerichtet: Die Kirche war der Ort, an der der Mensch sich Gott näherte und wo all das nicht geduldet wurde, was ihn von erbaulichen Gedanken hätte ablenken können. Diese Haltung erklärt die fast vollständige Abwesenheit von Verzierungen, Schmuck, Statuen innerhalb und außerhalb der Kirche. Nur an einigen wenigen Stellen gibt es einige kleine Ausnahmen von dieser Regel. Man könnte sagen, dass man den Steinmetzen und Maurern, die zeigen wollten, wozu sie fähig waren, ein wenig Freiraum geben musste.

Die Einladung zur Sammlung und zur Einkehr, die von der Architektur dieser kleinen nüchternen und strengen Kirche ausgeht, gilt noch immer. Wenn man will, hört man sie heute noch dort, „die Stimmen der Stille“ (François Mauriac).

Ulrich Marwedel (Grayan)